SCHWERPUNKT-DOSSIER

Arthrose ist mehr als „Verschleiß“

Die Bezeichnung „Gelenkverschleiß“ ist irreführend. Gelenke nutzen sich nicht ab wie Autoreifen durch reine Benutzung. Arthrose ist eine aktive biologische Umbauerkrankung des gesamten Gelenkorgans – und gezielte Bewegung ist Teil der Lösung.

Warum der Begriff „Verschleiß“ falsch verstanden wird

Wer hört, sein Gelenk sei „verschlissen“, zieht oft den falschen Schluss: Bloß nicht mehr bewegen, damit der Restknorpel nicht auch noch abgerieben wird. Diese mechanistische Sichtweise ist wissenschaftlich längst überholt. Der menschliche Körper ist kein starres Triebwerk, sondern lebendiges Gewebe. Knorpel regeneriert und ernährt sich ausschließlich durch intermittierende Druckbelastung. Wer ein arthrotisches Gelenk schont, entzieht ihm die Existenzgrundlage.

Die Pathophysiologie: Das gesamte Gelenk ist beteiligt

Bei einer Arthrose verändert sich nicht nur der Knorpelbelag. Es handelt sich um eine Erkrankung des gesamten Organs Gelenk:

  • Knorpelmatrix: Verlust von Proteoglykanen, Rissbildungen und Höhenverlust des Knorpels.
  • Subchondraler Knochen: Verdichtung der Knochensubstanz (Sklerosierung) und Bildung von Randwülsten (Osteophyten), um die Auflagefläche zu vergrößern.
  • Gelenkkapsel & Synovialis: Chronische Reizung der Schleimhaut durch Knorpelabriebpartikel führt zu wiederkehrenden entzündlichen Ergüssen (aktivierte Arthrose).
  • Muskelatrophie: Schmerzbedingte Schonhaltung lässt die gelenkschützende Muskulatur verkümmern.

Röntgenbild versus Schmerzempfinden

Zahlreiche Studien belegen: Zwischen dem Schweregrad im Röntgenbild und den tatsächlichen Schmerzen der Betroffenen besteht oft nur ein schwacher Zusammenhang. Viele Menschen mit schwerer radiologischer Gonarthrose wandern beschwerdefrei, während andere mit geringen Knorpelrauigkeiten starke Schmerzen empfinden. Therapiert wird immer der Mensch mit seiner Funktion und Lebensqualität, nicht das Röntgenbild!

Leitlinienbasierte Therapiestrategie

Die aktuellen Leitlinien der internationalen Fachgesellschaften (OARSI, EULAR, DEGAM) stellen drei Kernmaßnahmen an die Spitze:

  1. Patientenaufklärung & Schulung: Verstehen der biologischen Zusammenhänge nimmt die Angst vor Bewegung.
  2. Strukturierte Bewegungstherapie: Gezielter Muskelaufbau und aerobes Ausdauertraining lindern Schmerzen nachweislich so effektiv wie Schmerzmittel.
  3. Gewichtsmanagement: Bei Übergewicht entlastet jedes Kilogramm Gewichtsreduktion die Gelenke und dämpft systemische Entzündungen.